02.07.2026 Sina Schäfer
ShareGute Entscheidungen entstehen dort, wo nicht nur das Ergebnis überzeugt, sondern auch der Weg dorthin nachvollziehbar bleibt.
Manche Details erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Die Katze auf dem Dach in dem Gemälde ist ein solches Detail. Sie verweist auf ein Phänomen, das auch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz relevant ist. Ergebnisse wirken oft unmittelbar plausibel, während ihre Herleitung zunächst im Hintergrund bleibt. Explainable AI öffnet hingegen den Blick auf das, was hinter einer Empfehlung steht, und macht aus einer Berechnung eine nachvollziehbare Entscheidungsunterstützung.

Die Ergebnisse einer KI wirken präzise, schnell und plausibel. Genau darin liegt ihre Stärke und zugleich aber auch ihre Tücke. Denn wie bei dem Bild fällt auch hier zuerst das ins Auge, was sich schnell erfassen lässt: das große Ganze, die Atmosphäre, der erste Eindruck. Das Bild wirkt mit seinem roten Himmel, den Bergen im Hintergrund, dem Kino, der Galerie, dem Orchester und den Menschen auf dem Platz lebendig und geschlossen. Erst auf den zweiten Blick zeigen sich die Details, die dem Ganzen Tiefe geben: die Katze auf dem Dach, die Wegweiser und die vielen kleinen Szenen am Rand.

Ähnlich ist es bei KI. Auch hier dominiert zunächst das Ergebnis. Je stärker solche Systeme jedoch in reale Entscheidungsprozesse hineinwirken, desto weniger reicht dieser erste Eindruck aus. Dann wird wichtig, was hinter dem Ergebnis steht und ob das, was plausibel wirkt, auch im konkreten Kontext trägt.
KI-Reife braucht mehr als gute Ergebnisse
Wie groß diese Reifelücke in vielen Unternehmen derzeit noch ist, zeigt auch eine Analyse von McKinsey: In der „State of AI“-Perspektive stufen 40 Prozent der Befragten Erklärbarkeit als zentrales Risiko beim Einsatz generativer KI ein, aber nur 17 Prozent arbeiten aktiv daran, dieses Risiko zu begrenzen.
Dr. Bernd Heinrichs, Senior Vice President Inventory & Supply Chain bei INFORM, sieht darin eine zentrale Herausforderung im Umgang mit KI:

"Die technologische Leistungsfähigkeit entwickelt sich schneller, als organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden können, um souverän mit ihr umzugehen“, so der Experte. „Systeme liefern heute bereits überzeugende Ergebnisse. In vielen Unternehmen fehlt jedoch noch die nötige Transparenz, um diese einzuordnen, zu hinterfragen und in belastbare Entscheidungen zu übersetzen."
Darauf verweist auch der regulatorische Rahmen. Seit dem 1. August 2024 ist der EU AI Act in Kraft. Die Europäische Kommission verbindet damit den ausdrücklichen Anspruch, KI in Europa verantwortungsvoll und vertrauenswürdig zu entwickeln und einzusetzen. Für Unternehmen ist das ein klares Signal. Transparenz, menschliche Aufsicht und die belastbare Einordnung von Ergebnissen sind damit nicht nur Fragen guter Praxis, sondern zunehmend Anforderungen an den professionellen KI-Einsatz.
Wenn der zweite Blick entscheidend wird
Der Wert von Nachvollziehbarkeit zeigt sich vor allem dort, wo Entscheidungen nicht von einem einzelnen Faktor abhängen, sondern von vielen Dingen, die gleichzeitig ineinandergreifen. Im operativen Alltag kündigen sich Risiken selten mit einem klaren Warnsignal an. Oft entstehen sie leise und schrittweise: Ein Lieferant wird unzuverlässiger, ein Prozess verliert an Tempo, Kapazitäten werden knapper oder ein Muster passt plötzlich nicht mehr zu dem, was das System bislang erwartet hat. Für sich genommen wirkt vieles davon noch beherrschbar. Kritisch wird es meist erst dann, wenn mehrere dieser Signale zusammenkommen.
So kann ein Unternehmen auf dem Papier weiterhin gut aufgestellt sein. Die Bestände sehen ausreichend aus, offene Aufträge sind gedeckt und im System taucht noch keine akute Ausnahme auf. Gleichzeitig können sich die Voraussetzungen längst verändert haben. Lieferzeiten verlängern sich, Bedarfe rücken nach vorne oder alternative Bezugsquellen sind nicht mehr so verlässlich wie geplant. Wenn ein System in einer solchen Situation empfiehlt, früher zu bestellen, Mengen anzupassen oder bestimmte Bedarfe vorzuziehen, reicht die Empfehlung allein nicht aus. Anwender müssen verstehen, was dahintersteckt: Geht es vor allem um unsichere Versorgung, um veränderte Nachfrage, um fehlende Alternativen oder um das Zusammenspiel mehrerer Faktoren?

Der Dominoeffekt operativer Störungen
Ähnlich ist es, wenn Ressourcen durch ein Netzwerk bewegt werden. Ein verspäteter Lkw, ein volles Yard oder ein verpasstes Zeitfenster wirken zunächst vielleicht wie ein lokales Problem. Doch in einem eng getakteten Ablauf bleibt eine Verzögerung selten ohne Folgen. Sie kann Ladeabfolgen verschieben, Equipment binden, ausgehende Transporte verzögern oder Kundenzusagen gefährden. Wenn ein System dann eine neue Reihenfolge vorschlägt oder ein anderes Zeitfenster vergibt, stellt sich nicht nur die Frage, ob der neue Plan effizienter ist. Entscheidend ist, welchen Zielkonflikt die Empfehlung auflösen soll. Verkürzt sie Wartezeiten? Schützt sie eine priorisierte Lieferung? Entlastet sie einen Engpass? Nutzt sie knappe Kapazitäten besser? Oder verhindert sie, dass später im Prozess ein noch größeres Problem entsteht? Genauso wichtig ist die Gegenfrage: Verbessert sie den Gesamtprozess oder löst sie nur ein Problem, indem sie an anderer Stelle ein neues schafft?
Noch deutlicher wird diese Vernetzung in besonders zeitkritischen Umgebungen. An einem Flughafen ist ein verspätetes Flugzeug selten nur ein verspätetes Flugzeug. Es kann Auswirkungen auf Gate-Zuweisung, Bodenabfertigung, Reinigung, Gepäckprozesse, Crew-Verfügbarkeit und Anschlussverbindungen haben. Und weil jeder dieser Schritte nicht nur von Equipment und Zeitfenstern abhängt, sondern auch von Menschen, wird die Entscheidung schnell noch komplexer: Das passende Personal muss im richtigen Moment, am richtigen Ort und mit den richtigen Qualifikationen verfügbar sein während Arbeitszeitregeln, Schichtpläne und operative Prioritäten weiterhin gelten. In einem solchen Umfeld ist eine Empfehlung nur dann wirklich hilfreich, wenn sie nicht nur sagt, was geändert werden sollte, sondern auch warum. Versucht das System, einen Turnaround zu sichern, Überstunden zu vermeiden, Arbeitslasten auszugleichen oder zu verhindern, dass ein kritischer Prozess ins Rutschen gerät?
In anderen Bereichen geht es weniger um physische Abläufe als um die Einordnung ungewöhnlichen Verhaltens. Eine verdächtige Transaktion, ein atypischer Schadensfall oder ein risikobehaftetes Kundenprofil lassen sich nicht auf ein einfaches Ja oder Nein reduzieren. Analysten müssen nachvollziehen können, welche Signale einen Alarm ausgelöst haben: Betrag, Zeitpunkt, Ort, Abweichungen vom üblichen Verhalten, fehlende Informationen oder Verbindungen zu früheren Fällen. Diese Transparenz hilft, echte Risikomuster von einzelnen Auffälligkeiten zu unterscheiden und unterstützt Entscheidungen, die später geprüft, dokumentiert und begründet werden müssen.
Die letzte Entscheidung bleibt menschlich
So wichtig Explainable AI auch ist, sie macht datenbasierte Entscheidungen nicht automatisch richtig. Auch ein transparentes Modell kann auf unvollständigen Daten, ungeeigneten Zielgrößen oder Annahmen beruhen, die nicht mehr zur Realität passen. Explainable AI macht solche Grenzen sichtbar, aber sie hebt sie nicht auf. Sie ersetzt weder gute Daten noch passende Zielsetzungen noch die fachliche Expertise, die nötig ist, um ein Ergebnis richtig einzuordnen.
Hinzu kommt: Nicht jede KI lässt sich gleich gut erklären. Komplexere Modelle können leistungsfähigere Ergebnisse liefern, doch ihre Logik lässt sich nicht immer einfach und verständlich darstellen. In der Praxis müssen Unternehmen deshalb immer wieder zwischen Prognosegüte, Modellkomplexität und Verständlichkeit abwägen. Explainable AI sollte daher nicht als einfaches Vertrauensversprechen verstanden werden. Sie ist Teil einer größeren Verantwortung: KI-Systeme sorgfältig zu bewerten, ihre Einsatzgrenzen zu kennen und sicherzustellen, dass ihre Ergebnisse für menschliche Prüfung offen bleiben.
Am Ende geht es also nicht darum, ob KI überzeugende Empfehlungen erzeugen kann. Entscheidend ist, ob Organisationen diese Empfehlungen verantwortungsvoll nutzen können. Denn in komplexen Geschäftsprozessen haben Entscheidungen oft Folgen, die weit über das unmittelbare Ergebnis für Kunden, Mitarbeitende, Ressourcen, Kosten, Risiken und Servicequalität hinausgehen.
"Menschliches Urteilsvermögen bleibt unverzichtbar, weil nur Menschen diese Folgen im Kontext abwägen, widersprüchliche Prioritäten berücksichtigen und entscheiden können, was in einer konkreten Situation angemessen ist."
Das Gemälde am Anfang erinnert daran, dass der erste Eindruck selten die ganze Geschichte erzählt. Erst der zweite Blick zeigt, welche Details dem Gesamtbild Substanz geben und welche Zusammenhänge ihm Richtung verleihen. Für den professionellen Einsatz von KI gilt dasselbe. Ihr Wert liegt nicht in der Berechnung allein, sondern darin, Empfehlungen verständlich zu machen. Anders gesagt: Gute Entscheidungen entstehen dort, wo nicht nur das Ergebnis überzeugt, sondern auch der Weg dorthin nachvollziehbar bleibt.
ÜBER UNSERE EXPERT:INNEN

Sina Schäfer
Corporate Communications Managerin
Sina Schäfer arbeitet seit 2021 als Corporate Communications Managerin im Corporate Marketing bei INFORM. Ihr Fokus liegt auf der externen Kommunikation zu den Themen Inventory & Supply Chain, Produktion und Industrielogistik.