Der Kampf um Fachkräfte beginnt im Dienstplan
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Der Kampf um Fachkräfte beginnt im Dienstplan

05.08.2026 Dirk Alertz

Der Fachkräftemangel wird in vielen Unternehmen noch immer vor allem als Recruitingproblem behandelt. Doch in einem enger werdenden Arbeitsmarkt entscheidet sich Mitarbeiterbindung oft nicht im Bewerbungsprozess, sondern im Arbeitsalltag der Mitarbeitenden. Gerade dort, wo Menschen in Schichten arbeiten, wird erlebbar, ob ein Unternehmen Arbeit so organisiert, dass sie wirtschaftlich funktioniert und zugleich mit dem Leben der Beschäftigten vereinbar bleibt. 

Ein Dienstplan ist deshalb weit mehr als eine organisatorische Notwendigkeit. Er greift unmittelbar in die Lebensrealität von Mitarbeitenden ein. Wenn Pläne spät vorliegen, Schichten kurzfristig geändert werden oder freie Wochenenden wieder entfallen, geraten private Verpflichtungen unter Druck. Kinderbetreuung, Arzttermine, Pflegeaufgaben, Weiterbildung oder Familienzeit lassen sich dann nur noch eingeschränkt verlässlich organisieren. Was aus betrieblicher Sicht wie eine pragmatische Anpassung erscheint, wird auf persönlicher Ebene schnell als Signal gelesen: Die Anforderungen des Betriebs zählen mehr als die Planbarkeit des eigenen Lebens. 

Für Unternehmen bleibt das selten folgenlos. Verlässt eine erfahrene Kraft den Betrieb, weil die Belastung dauerhaft zu hoch wird oder Verlässlichkeit fehlt, entsteht mehr als nur eine Lücke im Dienstplan. Es fehlen Erfahrung, Routine, informelles Wissen und Stabilität im Team. Die verbleibenden Beschäftigten übernehmen zusätzliche Dienste, Überstunden steigen, die Belastung nimmt weiter zu. So kann aus einem einzelnen Austritt ein Kreislauf entstehen, der den Personalmangel weiter verschärft. 

Demografischer Wandel verändert die Lage grundlegend

Diese Zusammenhänge gewinnen an Schärfe, weil sich die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt strukturell verändern. Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter, während deutlich kleinere Kohorten nachrücken. Der demografische Wandel ist damit keine abstrakte Zukunftserwartung mehr, sondern bereits eine operative Realität. 

Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnten Deutschland bis 2036 rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Gleichzeitig sinkt das Erwerbspersonenpotenzial bis dahin um rund sieben Prozent auf nur noch etwa 51 Millionen Menschen. Pro Jahr gehen dem Arbeitsmarkt laut IW per Saldo rund 500.000 potenzielle Arbeitskräfte verloren. 

Für Unternehmen bedeutet das einen Perspektivwechsel. Über lange Zeit galt es als realistische Antwort auf Personalengpässe, vakante Stellen einfach neu zu besetzen. Diese Möglichkeit verliert an Tragfähigkeit, wenn erfahrene Mitarbeitende den Betrieb verlassen und geeignete Nachbesetzungen nicht mehr verlässlich verfügbar sind. Besonders in Schichtbetrieben wird das zur strategischen Herausforderung. 
In Produktion, Logistik, Gesundheitswesen, Handel oder Dienstleistungen fehlt mit jeder unbesetzten Schicht nicht nur eine Person, sondern häufig auch eingespielte Praxis, Überblick und Verlässlichkeit im Tagesgeschäft. 

Bleiben Aufgaben unerledigt, hat das zudem oft unmittelbare wirtschaftliche Folgen: Prozesse verzögern sich, Leistungen können nicht im vorgesehenen Umfang erbracht werden, Öffnungszeiten müssen eingeschränkt werden und im Extremfall drohen Geschäftsschließungen oder spürbare Umsatzeinbußen. 

Recruiting allein wird nicht reichen

Natürlich bleiben Recruiting, Employer Branding und Zusatzleistungen wichtig. Sie lösen jedoch nicht das Grundproblem eines schrumpfenden Arbeitskräfteangebots. Hinzu kommt, dass Deutschland einen großen Teil seiner Arbeitsmarktreserven bereits mobilisiert hat. Laut Wirtschaftsdienst liegt die Erwerbstätigenquote der 20- bis 64-Jährigen bei 81,3% und damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 75,3 Prozent. 

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie neue Mitarbeitende gewonnen werden können. Ebenso entscheidend ist, wie Unternehmen die Menschen halten, die bereits da sind. Genau hier wird Planungsqualität zu einem oft unterschätzten Bindungsfaktor. 

Mitarbeitende erleben Arbeitgeberattraktivität nicht nur in Stellenausschreibungen oder im Onboarding, sondern in der täglichen Organisation ihrer Arbeit. Ob freie Tage verlässlich bleiben, belastende Schichten nachvollziehbar verteilt werden und Änderungen mit ausreichend Vorlauf erfolgen, prägt das Erleben von Fairness und Respekt unmittelbar. Planbarkeit wird damit Teil des psychologischen Arbeitsvertrags zwischen Unternehmen und Beschäftigten. 

Verlässlichkeit schafft Verfügbarkeit

In vielen Betrieben folgt Schichtplanung noch immer einer alten Einbahnlogik: Das Unternehmen definiert den Bedarf, die Mitarbeitenden passen sich an. Diese Vorstellung verliert im enger werdenden Arbeitsmarkt an Wirklichkeitstauglichkeit. Zwar bleibt der betriebliche Bedarf die Grundlage jeder Planung, Unternehmen können jedoch nicht dauerhaft Flexibilität von den Mitarbeitenden einfordern. Sie müssen auch Verlässlichkeit zurückgeben. 

Gerade darin liegt eine zentrale Veränderung moderner Workforce-Management-Ansätze. Mitarbeitende erwarten heute nicht zwangsläufig weniger Arbeit, wohl aber besser planbare Arbeit. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Wenn Vollzeit unter starren oder kurzfristig wechselnden Schichtmodellen kaum mit dem eigenen Leben vereinbar ist, reduzieren manche Beschäftigte ihre dienstliche Verfügbarkeit. Diesen Schritt gehen sie nicht aus mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern als Schutzreaktion auf fehlende Verlässlichkeit. 

Wer aus Unternehmenssicht mehr Verfügbarkeit seiner Mitarbeitenden erreichen will, muss deshalb zuerst mehr Planbarkeit schaffen. Verlässlichkeit wird damit nicht zum Gegensatz betrieblicher Flexibilität, sondern zu ihrer Voraussetzung. 

Überstunden, Fluktuation, Frust: 
was schlechte Planung wirklich kostet

Die Qualität der Dienstplanung ist nicht nur eine kulturelle oder organisatorische Frage. Sie hat auch unmittelbare wirtschaftliche Relevanz. Zusätzliche Überstunden, instabile Besetzungen, kurzfristige Umplanungen und vermeidbare Fluktuation erzeugen Kosten, die in vielen Unternehmen lange unterschätzt wurden. 

Zugleich zeigt sich bereits heute, wie hoch die Belastung in vielen Belegschaften ist. Nach dem Statistischen Bundesamt arbeiten 7% aller Vollzeiterwerbstätigen in Deutschland mindestens 49 Stunden pro Woche. Bei den 55- bis 64-Jährigen liegt dieser Anteil bei 9,6 Prozent, in Leitungs- und Führungspositionen bei knapp einem Viertel.

Diese Zahlen machen deutlich, dass der Spielraum, personelle Engpässe dauerhaft über Mehrarbeit und spontane Improvisation aufzufangen, begrenzt ist. Je knapper Fachkräfte werden, desto riskanter wird es, Stabilität im Betrieb auf Kosten der Planbarkeit einzelner Beschäftigter zu organisieren. Schlechte Planung ist deshalb nicht nur ineffizient. Sie kann selbst zum Verstärker von Belastung, Unzufriedenheit und weiterer Fluktuation werden. 

Hinzu kommt die Frage der Fairness. Wenn Wochenenddienste, Nachtschichten oder kurzfristige Einsätze immer wieder dieselben Personen treffen, leidet das Vertrauen in die Nachvollziehbarkeit der Planung. Gute Planung bedeutet daher nicht, alle Wünsche erfüllen zu können. Sie bedeutet, Entscheidungen transparent, vorausschauend und fair zu treffen. 

Dienstplanung wird zur Führungsaufgabe

Gerade weil Planungsqualität so viele Folgewirkungen hat, reicht es nicht aus, Dienstplanung als operative Nebenaufgabe zu betrachten. Sie gehört stärker in die Unternehmenssteuerung. Führungskräfte sollten nicht nur darauf schauen, ob eine Schicht besetzt ist, sondern auch darauf, mit welchen Folgen dies erreicht wird.

Relevante Kennzahlen sind etwa: 

  • Überstundenquoten
  • kurzfristige Planänderungen
  • Krankenstand
  • Fluktuation
  • Wunschdienst-Erfüllung
  • Verteilung belastender Schichten.

Solche Indikatoren zeigen, wie gut es einem Unternehmen gelingt, wirtschaftliche Anforderungen und Mitarbeiterinteressen in ein tragfähiges Gleichgewicht zu bringen. 

Workforce Management ist nicht zuerst ein Softwarethema, sondern eine Führungsfrage.
Dirk Alertz, Head of Workforce Management Process Optimization

Technologie kann Planung unterstützen, Komplexität reduzieren und Transparenz erhöhen. Entscheidend ist jedoch, welches Verständnis von Arbeit ihr zugrunde liegt: Wird Planung primär als Verteilungsproblem von Stunden verstanden, oder als strategischer Hebel für Stabilität, Bindung und Leistungsfähigkeit?  

Nur wenn dieses Verständnis in den Führungsetagen verankert ist, wird Personal-einsatzplanung als das erkannt, was sie ist: ein zentraler Hebel für Produktivität, Mitarbeiterbindung und nachhaltige Wirtschaftlichkeit. Gute Software spielt dabei eine Schlüsselrolle - nicht als Selbstzweck, sondern als Führungsinstrument, das Transparenz schafft, Komplexität beherrschbar macht und bessere Entscheidungen in der PEP erst ermöglicht. 

Fazit

Der Kampf um Fachkräfte beginnt nicht erst im Recruiting. Er beginnt dort, wo Mitarbeitende täglich erleben, ob ihre Arbeit verlässlich, fair und mit ihrem Leben vereinbar organisiert ist. Genau deshalb wird Dienstplanung im demografischen Wandel zu einer strategischen Aufgabe. 

Wenn bis 2036 tatsächlich 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen und das Erwerbspersonenpotenzial zugleich deutlich sinkt, wird jede erfahrene Fachkraft wertvoller.

Unternehmen können diese Entwicklung nicht aufhalten. Sie können aber sehr wohl steuern, wie resilient ihre Organisation darauf reagiert. Wer Planungsqualität ernst nimmt, erhöht nicht nur Effizienz und Fairness, sondern schafft die Grundlage dafür, Mitarbeitende passgenau und bedarfsgerecht entlang des tatsächlichen Bedarfs einzusetzen. Das reduziert Fehlsteuerung, vermeidet unnötige Belastung und stabilisiert Abläufe im operativen Alltag. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, Beschäftigte langfristig im Unternehmen zu halten, weil verlässliche, faire und nachvollziehbare Einsatzplanung ein zentraler Faktor für Zufriedenheit, Bindung und Arbeitgeberattraktivität ist. Genau diese Verbindung aus Wirtschaftlichkeit, Stabilität und Retention wird in den kommenden Jahren zu einem - oder gar zu DEM - entscheidenden Wettbewerbsvorteil. 

ÜBER UNSERE EXPERT:INNEN

Dirk Alertz

Dirk Alertz

Head of Workforce Management Process Optimization

Als Head of Workforce Management Process Optimization verantwortet Dirk Alertz die strategische Weiterentwicklung von Workforce-Management-Systemen. Seine Expertise liegt darin, Prozesse, Technologie und Nutzeranforderungen zu integrierten Lösungen zu verbinden – mit nachweisbarem Impact auf Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit. Mit gezieltem Einsatz von Künstlicher Intelligenz optimiert er Planungsprozesse hinsichtlich Effizienz und Genauigkeit.

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