Der Einfluss von Erfahrung und Erwartung
Während die KI aus statistischen Gründen halluziniert, unterliegt der Mensch psychologischen Mechanismen. Menschliches Denken ist ein komplexes Zusammenspiel aus Erfahrung, Emotion, Erwartung und Intuition. Er ist biologisch darauf programmiert, Muster zu erkennen und Informationen schnell einzuordnen. Das macht ihn in sozialen Situationen und bei intuitiven Entscheidungen überlegen, führt aber auch regelmäßig zu systematischen Fehlern. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Confirmation Bias. Informationen werden eher als wahr akzeptiert, wenn sie die eigene Meinung stützen. Bestätigt eine KI eine bereits vorhandene Vermutung, wird die Antwort oft weniger kritisch hinterfragt. Ein weiteres Phänomen ist die Konfabulation. Ähnlich wie die KI füllen Menschen Wissenslücken unbewusst mit Details auf, die für sie logisch klingen. Informationen werden so ergänzt, dass sie ein stimmiges Gesamtbild ergeben.
Ein Risiko entsteht, wenn sich menschliche und maschinelle Fehler gegenseitig bestätigen. Eine KI erzeugt eine plausible Falschaussage, ein Mitarbeiter hält sie aufgrund seiner Erwartungen für glaubwürdig und übernimmt sie. Umgekehrt kann auch eine korrekte KI-Antwort verworfen werden, weil sie der bisherigen Einschätzung des Menschen widerspricht. Fließt so etwas in einen Forecast, eine Beschaffungsentscheidung oder eine Managementvorlage ein, wird aus einem einzelnen kleinen Fehler schnell ein betrieblicher Fehler.
Vier Kontrollpunkte für KI-gestützte Entscheidungen
Entscheidend ist deshalb: Wie müssen Prozesse gestaltet sein, damit menschliche und maschinelle Fehlurteile sich korrigieren statt bestätigen? Vier Kontrollpunkte helfen dabei:
1. Quellenbindung: Bei faktenkritischen Anwendungen muss nachvollziehbar sein, worauf eine Aussage beruht und wo Unsicherheit besteht.
2. Prüfung nach Wirkung: Je größer die mögliche betriebliche Wirkung, desto höher sollte die Prüf- und Freigabestufe sein.
3. Widerspruch zulassen: Bei wichtigen Entscheidungen sollten alternative Erklärungen oder eine zweite fachliche Prüfung bewusst vorgesehen sein.
4. Verantwortung klären: Es muss klar sein, wer Ergebnisse prüft, hinterfragt und am Ende die Entscheidung verantwortet.
Weniger Raum für plausible Fehler
Damit wird KI nicht automatisch fehlerfrei, doch die Bedingungen, unter denen Fehler entstehen und wirksam werden, lassen sich besser kontrollieren. Geprüfte Informationen reduzieren den Spielraum für plausible Ergänzungen. Quellenbindung, Prüfung und bewusster Widerspruch sorgen dafür, dass Fehler auffallen können, bevor sie betriebliche Wirkung entfalten. Fehlerfreiheit ist weder bei Menschen noch bei generativer KI ein realistischer Maßstab.
Entscheidend ist deshalb nicht, wer weniger Fehler macht, sondern wie ein Entscheidungsprozess damit umgeht, dass Fehler entstehen können.
Human-in-the-Loop bedeutet in diesem Zusammenhang, Mensch und Maschine so zusammenwirken zu lassen, dass Fehlurteile hinterfragt und möglichst früh korrigiert werden. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und klare Zuständigkeiten. In der nächsten Phase der KI-Nutzung kommt es daher weniger auf möglichst beeindruckende als auf belastbare Antworten und einen bewussten Umgang mit den Grenzen beider Seiten an.