17.02.2026 Joanna Rosskamp
ShareManchmal reicht ein Wort, um eine ganze Debatte zu entzünden. „Lifestyle-Teilzeit“ ist so ein Wort. Es fiel im Zusammenhang mit einem Parteitagsantrag aus dem Wirtschaftsflügel der Union, der den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit künftig stärker begrenzen will.
Die Reaktionen auf den Vorstoß fielen entsprechend heftig aus. Während Befürworter darin einen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels sehen, empfinden Kritiker den Begriff als abwertend und realitätsfern. Der Ausdruck „Lifestyle-Teilzeit“ wurde damit schnell zum Symbol einer größeren Auseinandersetzung – über Arbeitsmoral, individuelle Freiheit und die Frage, wie (Teilzeit-)Arbeit unter den Bedingungen des demografischen Wandels organisiert werden soll.
Jenseits der Wortwahl stellt sich damit jedoch eine andere Frage: nicht, ob Teilzeit ein Problem ist, sondern unter welchen strukturellen Bedingungen Arbeitszeit heute gestaltet wird. Besonders deutlich wird diese Frage dort, wo Arbeit rund um die Uhr organisiert werden muss, d.h. in Branchen mit 24/7-Betrieb und Schichtarbeit, etwa in Pflege, Industrie oder Logistik. Wer über „Lifestyle-Teilzeit“ spricht, muss daher auch über die Organisation von Schichtarbeit sprechen.
Was von der CDU gefordert wird – und was dabei übersehen wird
Der Vorstoß wurde zunächst als Teilzeitverbot wahrgenommen. Tatsächlich geht es formal um eine Einschränkung des Rechtsanspruchs. Künftig soll ein Anspruch auf Teilzeit nur noch bestehen, wenn „besondere Gründe“ vorliegen, etwa Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, gesundheitliche Gründe oder Weiterbildung. Teilzeit aus anderen Motiven bliebe möglich, wäre jedoch stärker vom Einvernehmen mit dem Arbeitgeber abhängig.
Rechtlich wäre dies eine Abkehr vom bisherigen Grundprinzip des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (§ 8 TzBfG). Seit 2001 können Beschäftigte unter bestimmten Voraussetzungen eine Verringerung ihrer Arbeitszeit verlangen, sofern keine betrieblichen Gründe entgegenstehen. Der Antrag stellt dieses Modell infrage, indem er zwischen „anerkannten“ und anderen Motiven unterscheidet.
Kritiker halten dagegen, dass diese Unterscheidung an der Lebensrealität vieler Beschäftigter vorbeigeht. Zudem sei unklar, wie „legitime“ Gründe künftig definiert und überprüft werden sollen.
Auch wenn formal kein Verbot vorgesehen ist, entfaltet der Vorschlag eine deutliche Signalwirkung: Bestimmte Formen von Teilzeit gelten als erwünscht, andere als problematisch. Ob dieses Signal tatsächlich dazu beiträgt, mehr Arbeitszeit zu mobilisieren, lässt sich nur beantworten, wenn man den Blick von der politischen Forderung auf die betriebliche Realität richtet, vor allem in Organisationen, die auf permanente Schichtabdeckung angewiesen sind.
Realitätscheck: Teilzeit im Schichtbetrieb
Nach Daten des Statistischen Bundesamts arbeiteten 2024 rund 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit. Auffällig sind die Unterschiede zwischen Branchen: Während Teilzeit in klassischen Handwerksberufen vergleichsweise selten ist, liegt sie im Gesundheitswesen und in der Altenpflege deutlich höher; also gerade dort, wo Arbeit in Schichten organisiert wird und Personalengpässe besonders spürbar sind.
In Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Rettungsdiensten, Industrie oder Logistik muss Arbeit kontinuierlich organisiert werden. In solchen Systemen wird Personal nicht nur nach Wochenarbeitszeit geplant, sondern nach Schichtabdeckung. Teilzeit entsteht hier häufig innerhalb eines ohnehin angespannten Systems – nicht trotz Fachkräftemangels, sondern inmitten davon.
Im Schichtbetrieb ist Teilzeit daher keine Randerscheinung und kein Zeichen mangelnder Arbeitsbereitschaft. Sie ist strukturelle Realität eines Organisationsmodells, das Versorgungssicherheit, Ausfallsicherheit und Planbarkeit gleichzeitig gewährleisten muss.
Warum Vollzeit im Schichtsystem oft strukturell problematisch ist
Teilzeit im Schichtbetrieb entsteht häufig nicht aus Komfortüberlegungen, sondern aus Belastungsgrenzen. In 24/7-Systemen gehören Nacht- und Wechselschichten, Wochenend- und Feiertagsdienste sowie kurzfristiges Einspringen bei Personalausfällen zum Alltag. Arbeitszeiten verschieben sich regelmäßig, Erholungsphasen sind verkürzt, soziale Planbarkeit bleibt eingeschränkt.
Unter diesen Bedingungen ist Vollzeit für viele Beschäftigte langfristig schwer tragfähig. Befragungen aus schichtintensiven Branchen zeigen entsprechend eine geringe Bereitschaft zur Aufstockung. Hohe Arbeitsverdichtung, regelmäßige Überstunden und kurzfristige Dienstübernahmen führen dazu, dass reduzierte Stunden zu einer Form des Belastungsausgleichs werden.
Diese Belastung ist nicht nur körperlich, sondern auch sozial wirksam. Der regelmäßige Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschichten verlangt eine dauerhafte Anpassung an wechselnde Rhythmen. Familienleben, Betreuung, Freizeit oder ehrenamtliches Engagement lassen sich unter solchen Bedingungen nur eingeschränkt koordinieren.
Hinzu kommen infrastrukturelle Grenzen. Wechselnde Dienste kollidieren mit festen Öffnungszeiten von Kitas und Schulen. Kurzfristige Betreuungsausfälle stehen starren Dienstplänen gegenüber. Ähnlich verhält es sich bei der Pflege von Angehörigen, die sich nur begrenzt planen lässt. Teilzeit wird hier zu einem Instrument, um Erwerbsarbeit und familiäre Verantwortung überhaupt miteinander vereinbaren zu können.
Neben der individuellen Perspektive spielt auch die betriebliche Struktur eine Rolle. In vielen Schichtsystemen sind Teilzeitanteile bewusst integriert. Mehrere Teilzeitkräfte verteilen Risiken, erhöhen die Ausfallsicherheit und stabilisieren Dienstpläne. Vollzeit ist in solchen Systemen nicht automatisch die robustere Lösung.
Risiken einer Einschränkung der Teilzeit im Schichtbetrieb
Die von der Mittelstandsunion vorgeschlagene Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit zielt darauf ab, zusätzliche Arbeitszeit zu mobilisieren. Doch gerade im Schichtbetrieb könnte der Effekt gegenteilig ausfallen.
Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass der unerfüllte Wunsch nach mehr Arbeitsstunden rechnerisch einem Volumen von rund 1,4 Millionen Vollzeitstellen entspricht. Dieses Potenzial ist jedoch an Bedingungen geknüpft. Ob Menschen ihre Arbeitszeit ausweiten können, entscheidet sich häufig weniger am individuellen Arbeitswillen als an den vorhandenen Rahmenbedingungen.
So bestehen zwar gesetzliche Ansprüche auf Kinderbetreuung, doch fehlende Plätze, eingeschränkte Öffnungszeiten und kurzfristige Ausfälle erschweren verlässliche Planung. Viele Teilzeitbeschäftigte würden ihre Stunden erhöhen, wenn Betreuungs- und Pflegeinfrastrukturen planbarer wären. Der Engpass liegt daher häufig nicht im Arbeitswillen, sondern in der Kombination aus Belastung und struktureller Unvereinbarkeit.
Gerade im Schichtbetrieb ist diese Bedingungsfrage zentral. Wird Teilzeit eingeschränkt, ohne die strukturellen Ursachen der Reduzierung zu verändern, kann der gegenteilige Effekt eintreten. Beschäftigte, die Vollzeit unter den bestehenden Bedingungen als dauerhaft nicht leistbar empfinden, reagieren nicht zwingend mit Aufstockung, sondern möglicherweise mit Arbeitsplatzwechsel oder vollständigem Ausstieg.
Auch aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive wird vor negativen Effekten gewarnt. Eine Einschränkung des Rechtsanspruchs könnte Beschäftigung eher reduzieren als erhöhen und den Fachkräftemangel verschärfen – insbesondere in Sektoren, in denen Personal ohnehin knapp ist und Schichtarbeit den Arbeitsalltag prägt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob mehr Arbeitszeit wünschenswert ist, sondern unter welchen organisatorischen Bedingungen sie realistisch mobilisiert werden kann. Ohne Verbesserungen in der Schichtorganisation bleibt eine Einschränkung des Anspruchs ein Instrument mit ungewissem Effekt.
Mehr Arbeitszeit ist nicht automatisch mehr Wohlstand
In der politischen Debatte gilt Arbeitszeit häufig als zentrale Stellschraube für wirtschaftliche Stabilität. Der Zusammenhang ist jedoch nicht linear. Längere Arbeitszeiten führen nicht automatisch zu höherer Produktivität. Mit steigender Belastung sinken Leistungsfähigkeit und Konzentration, während Fehlerquoten und krankheitsbedingte Ausfälle zunehmen.
Gerade in Schichtsystemen wird diese Grenze besonders deutlich. Lange Dienste, häufige Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschichten sowie verkürzte Erholungszeiten beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit nachweislich. Mehr Stunden bedeuten unter solchen Bedingungen nicht automatisch mehr Wertschöpfung, sondern können zusätzliche Kosten durch Fehlleistungen und Ausfälle verursachen.
Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hängt nicht allein von der Anzahl der Stunden ab, sondern von den Rahmenbedingungen, unter denen gearbeitet wird. Wenn Arbeitszeit ungleich verteilt ist, Spitzen nicht abgefedert werden oder Planung kurzfristig erfolgt, entsteht Überlastung – obwohl rechnerisch genügend Stunden vorhanden sind.
Zudem lassen sich wirtschaftliche Schwierigkeiten nicht allein auf individuelle Arbeitszeitentscheidungen zurückführen. Die Leistungsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften hängt ebenso von strukturellen Faktoren ab: von Investitionen in Technologie und Infrastruktur, von der Organisation von Arbeit, von Managemententscheidungen und langfristigen Strategien. Versäumte Transformationen, etwa in Industrie oder Digitalisierung, lassen sich nicht durch längere Arbeitszeiten der Beschäftigten kompensieren.
Der Fokus auf pauschal mehr Arbeitszeit greift deshalb zu kurz, denn im Schichtbetrieb entscheidet die Qualität der Planung darüber, ob vorhandene Kapazitäten produktiv genutzt oder durch ineffiziente Organisation aufgezehrt werden.
Das eigentliche Problem: starre Schichtsysteme
In der politischen Debatte steht häufig die Menge der geleisteten Arbeitsstunden im Mittelpunkt. Im Schichtbetrieb zeigt sich jedoch, dass betriebliche Stabilität weniger von der Stundenzahl als von der Qualität der Planung abhängt.
Viele Dienstpläne folgen noch immer festen Rotationsmustern mit begrenzter Anpassung an tatsächliche Bedarfe. So entstehen Überstunden und kurzfristige Zusatzdienste, obwohl insgesamt ausreichend Arbeitszeit vorhanden ist.
Gerade im 24/7-Betrieb sind Schwankungen normal – etwa durch saisonale Effekte, Krankheitsausfälle oder Nachfragespitzen. Wenn Schichtsysteme darauf nur eingeschränkt reagieren können, wird Mehrarbeit zur Regel statt zur Ausnahme und der Druck auf die Mitarbeitenden steigt.
Hier setzt eine Weiterentwicklung der Personaleinsatzplanung an. Ziel ist nicht mehr Kontrolle, sondern eine präzisere Abstimmung: Arbeitszeiten werden stärker am tatsächlichen Bedarf ausgerichtet, Qualifikationen systematisch einbezogen und Belastungen transparenter verteilt. Planung wird damit vorausschauend statt reaktiv.
In schichtgebundenen Systemen entsteht Arbeitszeitpotenzial nicht durch Restriktion, sondern durch bessere Abstimmung von Bedarf, Belastung und Verfügbarkeit. Wer mehr Arbeitszeit mobilisieren will, muss sie intelligenter organisieren und nicht restriktiver regulieren.
Teilzeit als Stabilitätsfaktor im Schichtbetrieb
Entgegen einem verbreiteten Vorurteil geht Teilzeit nicht automatisch mit höherem Krankenstand oder geringerer Leistungsfähigkeit einher. Gerade im Schichtbetrieb erfüllt sie eine zentrale Stabilitätsfunktion. Arbeit muss hier rund um die Uhr organisiert werden, Ausfälle wirken sich unmittelbar auf die Versorgung oder Produktion aus.
Mehrere Teilzeitkräfte verteilen Risiken im 24/7-System, erhöhen die Ausfallsicherheit und reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Beschäftigte durch dauerhafte Überlastung ausfallen oder den Beruf ganz verlassen.
In klassischen Schichtbranchen ist Teilzeit daher weniger Ausdruck individueller Präferenz als Bestandteil einer stabilen Personalstruktur.
Fazit: Arbeitszeit intelligent organisieren
Die Herausforderungen des Arbeitsmarkts sind real. Doch die Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit greift zu kurz, weil sie das Kernproblem verfehlt.
Die Debatte um „Lifestyle-Teilzeit“ erweckt den Eindruck, als sei reduzierte Arbeitszeit vor allem eine Frage persönlicher Vorlieben. Im Schichtbetrieb zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Hier entsteht Teilzeit oft nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus den Belastungen des Systems und aus den Grenzen, die Betreuung, Pflege oder starre Dienstpläne setzen.
Entscheidend ist deshalb weniger, wie viele Stunden insgesamt zur Verfügung stehen, sondern wie diese Stunden geplant werden. Wenn Schichten starr rotieren, Personal nicht passend zum tatsächlichen Bedarf eingeplant wird und kurzfristig umorganisiert werden muss, entsteht Überlastung – selbst dann, wenn rechnerisch genug Arbeitszeit vorhanden wäre.
Statt Arbeitszeitrechte zu begrenzen, sollte der Fokus auf einer besseren Gestaltung von Schichtarbeit liegen. Moderne, softwaregestützte Personaleinsatzplanung ermöglicht es, Bedarf, Qualifikationen und individuelle Verfügbarkeiten systematisch aufeinander abzustimmen und Belastung fair zu verteilen.
Unter solchen Bedingungen wird Teilzeit nicht zum Problem, sondern zu einem Bestandteil stabiler Strukturen. Wer zusätzliche Arbeitszeit mobilisieren will, muss Arbeit so organisieren, dass sie planbar, tragfähig und attraktiv bleibt. Dann erübrigt sich auch die Frage nach „Lifestyle-Teilzeit“.
ÜBER UNSERE EXPERT:INNEN

Joanna Rosskamp
Marketing Managerin
Joanna Rosskamp ist als Marketing Managerin im Bereich Workforce Management bei INFORM tätig. Durch ihre tiefe Branchenkenntnis und ein ausgeprägtes Verständnis für die Herausforderungen im Workforce Management entwickelt sie wirkungsvolle Konzepte und begleitet deren erfolgreiche Umsetzung.
