Mit der einen Hand ein schneller Griff über die Ladentheke zum To-Go Becher, während in der anderen Hand eine Plastiktüte mit einem Take-Away Salat und Plastikbesteck raschelt. Was nach Alltag klingt, ist in Wahrheit ein System, das jeden Tag Millionen Verpackungen produziert, verteilt und entsorgt.Einweg setzte sich durch, weil das System mühelos funktionierte. Diese Bequemlichkeit wird nun aber zum Verhängnis, weil Europa den Kurs dreht und weil Kommunen beginnen, Einwegverpackungen dort zu bepreisen, wo sie besonders sichtbar sind. 2026 entsteht Mehrweg nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus politischem Druck von oben und unten.
In dieser Blogserie schauen wir auf das, was Mehrweg 2026 konkret bedeutet. Teil 1 klärt den politischen Rahmen. Danach folgen Industrie, Handel und Onlinehandel, dort, wo Systeme entstehen, scheitern oder skalieren. Der Schlusspunkt gehört dem Alltag. Denn er entscheidet, ob Mehrweg funktioniert.
PPWR gibt den Takt vor
Die neue EU Verpackungsverordnung PPWR wirkt wie ein Taktgeber. Sie steht seit dem 22. Januar 2025 im Amtsblatt der Europäischen Union, ist seit dem 11. Februar 2025 in Kraft und gilt grundsätzlich ab dem 12. August 2026. Damit zieht Europa Regeln zusammen, die bislang je nach Land in unterschiedliche Richtungen liefen, und zwingt Unternehmen dazu, Verpackung als europäisches Thema zu behandeln.
Die PPWR setzt früh an. Sie will Abfall verhindern, bevor er entsteht, und verschiebt deshalb den Schwerpunkt klar in Richtung Wiederverwendung. Zwar bleibt das Regelwerk breit angelegt und reicht von Recyclingfähigkeit über Kennzeichnung bis hin zu Rezyklatanteilen. Für Mehrweg zählt in diesem Zusammenhang jedoch ein anderer Kern, denn Wiederverwendung greift tiefer. Sie verändert Prozesse, weil Rücklauf, Reinigung und Steuerung mitgedacht werden müssen. Genau diese systemische Logik gewinnt ab 2026 an Wichtigkeit.
Auch die Fristen lassen daran keinen Zweifel. Die Verordnung arbeitet mit klaren Etappen auf 2030 und 2040 hin. Ziel ist es, den Verpackungsabfall pro Kopf gegenüber dem Jahr 2018 bis 2030 um fünf Prozent, bis 2035 um zehn Prozent und bis 2040 um 15 Prozent zu senken.
Die Quoten, die Mehrweg wirklich nach vorn schieben
Besonders spürbar wird das bei den Wiederverwendungsquoten für Transport und Versandverpackungen. Ab dem 1. Januar 2030 sollen große Teile dieser Verpackungen innerhalb der EU in Wiederverwendungssystemen laufen. Für Paletten, Kisten, Kästen, Eimer oder Kanister wird eine Mehrwegquote von 40 Prozent vorgegeben, die bis 2040 auf 70 Prozent ansteigt. Für Transporte zwischen Standorten innerhalb eines Landes oder über Landesgrenzen hinweg soll Mehrweg zum Regelfall werden. Ausnahmen gelten lediglich für bestimmte Kartonboxen und für den Transport gefährlicher Güter.
Ähnliche Leitplanken setzt die PPWR bei Getränkeverpackungen. Verkaufsverpackungen für Getränke sollen ab 2030 eine Mehrwegquote von zehn Prozent erreichen, die bis 2040 auf 40 Prozent steigt. Ausgenommen sind lediglich Wein, Spirituosen und Milch. Auch hier geht es um Marktmechanik. Mehrweg soll sichtbar werden, verfügbar sein und im Regal eine reale Alternative darstellen.
Im Take-Away Bereich greift die Verordnung noch direkter in den Alltag ein. Anbieter von Speisen zum Mitnehmen müssen ihren Kundinnen und Kunden erlauben, eigene Behälter ohne Zusatzkosten zu nutzen. Zusätzlich sollen sie bis 2030 mindestens zehn Prozent ihrer Produkte in wiederverwendbaren Verpackungen anbieten. Mit dem schrittweisen Verbot von Einwegplastik beim vor Ort Verzehr wächst der Druck auf gastronomische Betriebe, funktionierende Mehrwegsysteme einzuführen und dauerhaft zu betreiben.
Flankiert wird all das durch neue Kennzeichnungsvorgaben. Mehrwegverpackungen sollen europaweit eindeutig als solche erkennbar sein. Einheitliche Regeln werden derzeit noch ausgearbeitet, klar ist jedoch, dass digitale Elemente wie QR-Codes vorgesehen sind, die auf das jeweilige Mehrwegsystem verweisen und dessen Nutzung transparenter machen sollen.
Damit verschiebt sich die Fragestellung in Unternehmen grundlegend. Es geht weniger um die Materialeigenschaft, sondern um die Systemleistung. Entscheidend wird, ob ein Kreislauf zuverlässig funktioniert, ob Behälter verfügbar bleiben, ob Verluste sinken und ob die Logistik den Rückweg genauso beherrscht wie den Hinweg. An genau dieser Stelle ist Verpackung kein reiner Beschaffungsgegenstand mehr, sondern Teil eines Prozesses, der geplant, gesteuert und verantwortet werden muss.
Kommunen drehen am Preis, die DUH dreht am Druck
Während die PPWR-Fristen und Quoten setzt, wird die Veränderung in Deutschland an einer Stelle sofort spürbar – und zwar am Preis. Die Debatte verlagert sich in Stadträte, weil Einweg im öffentlichen Raum landet und dort Kosten auslöst. Die Deutsche Umwelthilfe treibt diesen Hebel seit Jahren und fordert eine bundesweite Einwegabgabe von mindestens 20 Cent auf Einwegverpackungen für Speisen und Getränke zum Mitnehmen. Die Idee dahinter ist simpel: Einweg bekommt einen Preis, der sich beim Einkauf bemerkbar macht, und Mehrweg rückt damit in eine faire Startposition.
Diese Diskussion hat seit dem 22. Januar 2025 Rückenwind, weil das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde gegen die Tübinger Verpackungssteuer zurückgewiesen hat. In Tübingen hatte die Stadt eine Abgabe auf Einwegverpackungen für Speisen und Getränke zum Mitnehmen eingeführt. Geklagt hatte eine McDonald’s-Franchisenehmerin, die die Steuer für unzulässig hielt, weil es der Stadt an entsprechender Gesetzgebungskompetenz fehle. Das Bundesverfassungsgericht ließ die Beschwerde nicht zu. Seitdem ist klar, dass Kommunen solche Steuern rechtssicher erheben können, wenn sie sauber ausgestaltet sind. Das Urteil hat aus einer Grundsatzfrage ein Instrument gemacht, das in vielen Rathäusern nun ernsthaft auf dem Tisch liegt.
Und viele Kommunen greifen zu. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe zeigen bundesweit 155 Städte Interesse an dem Instrument Verpackungssteuer. Einige schreiben Satzungen, andere prüfen, wieder andere beraten. Das Thema ist damit in den Haushalten angekommen und wird dadurch schon bald viel präsenter.
Freiburg zeigt was Einweg kostet
Freiburg macht es seit dem 1. Januar 2026 konkret. Die Stadt erhebt eine Verpackungssteuer auf Einwegverpackungen für Speisen und Getränke zum Mitnehmen. Das Prinzip ist einfach: 50 Cent pro Einwegbecher oder Einwegverpackung, 20 Cent für Einwegbesteck und Trinkhalme. Wer ein Menü verkauft, das aus mehreren Einwegteilen besteht, löst die Steuer mehrfach aus. Aus einer Mahlzeit wird so schnell ein Eurobetrag, der in der Marge wehtut.
Freiburg rechnet im ersten Jahr mit Einnahmen von rund 2,2 Millionen Euro. Die Stadt vermutet, dass das Instrument stark genug ist, um Verhalten zu beeinflussen und gleichzeitig Kommunen zu finanzieren.
Ohne Infrastruktur kein Mehrweg
Mit Quoten und Steuern ist der Rahmen gesetzt, doch Mehrweg entscheidet sich nicht auf dem Papier, sondern in der Infrastruktur. Rücknahme braucht Platz, Spülkapazität braucht Anlagen, Standards brauchen Abstimmung, und Daten entscheiden, ob ein Pool schlank bleibt oder ausfranst. Viele frühere Mehrwegansätze bleiben genau deshalb klein: der Wille war da, aber die Infrastruktur fehlte.
Deutschland hat seit 2024 mit dem Einwegkunststofffonds einen Mechanismus, der das Verursacherprinzip praktisch umsetzt. Hersteller und Inverkehrbringer bestimmter Einwegkunststoffprodukte zahlen dabei Abgaben in einen staatlich verwalteten Fonds ein. Das Geld soll Kommunen entlasten, die die Folgen von Einweg im öffentlichen Raum tragen, etwa für Reinigung, Sammlung und Entsorgung von Abfällen. Vereinfacht gesagt: Wer Einweg in Umlauf bringt, beteiligt sich an den Kosten, die danach auf Straßen, Plätzen und in Parks entstehen. Die Lenkungswirkung bleibt jedoch umstritten, weil die Abgabesätze nach Kritik aus der Praxis sehr niedrig ausfallen. In einer DUH-Stellungnahme werden als Beispiele 0,3 Cent für einen Einweg-Lebensmittelbehälter und 1,2 Cent für einen Einweg-Becher genannt. Wer solche Beträge neben die Freiburger 50 Cent legt, versteht, warum viele Kommunen und Verbände nach stärkeren Instrumenten suchen und warum die Diskussion um Infrastruktur und Unterstützung so schnell Fahrt aufnimmt.
Wo sich Mehrweg bewähren muss
Am Ende laufen zwei Bewegungen zusammen. Europa setzt mit der PPWR den langfristigen Rahmen, Kommunen machen Einweg kurzfristig teurer, und beide Entwicklungen erhöhen den Druck, Wiederverwendung nicht nur zu versprechen, sondern zu organisieren. Die Frage ist nicht, ob Mehrweg kommt, sondern wie gut Unternehmen ihre Systeme steuern, während europäische Vorgaben den Rahmen setzen und Kommunen die Kosten spürbar machen.
Genau dort beginnt der nächste Teil dieser Serie. In der Industrie und besonders in der Automobillogistik ist Mehrweg längst Alltag. Die Probleme liegen im Pool, in den Umläufen, in Verlusten, in Transparenz. Wer das beherrscht, profitiert von Einsparungen, Resilienz und Nachhaltigkeit zugleich.
Simeon Langel studiert Marketing an der IU Internationalen Hochschule in Köln und ist Teil der Logistics Division bei INFORM. Er beschäftigt sich mit Themen rund um die Optimierung und Nachhaltigkeit im Behältermanagement und der Baustofflogistik.
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